Xinomavro im Blindverkostungstest überzeugt - The Winehouse

Xinomavro im Blindverkostungstest überzeugt

Ein Glas, keine Flasche, keine Etikett-Hinweise. Im Xinomavro im Blindverkostungstest passiert oft etwas Schönes: Selbst Leute, die Griechenland beim Rotwein nur mit Sonne, Kraft und viel Holz verbinden, schauen plötzlich irritiert ins Glas. Wo kommt diese Säure her? Warum schmeckt das nach Sauerkirsche, getrockneter Tomate, Olive und Rosen? Und weshalb zieht das Tannin so ernsthaft am Gaumen, obwohl der Wein gar nicht dick oder süß wirkt?

Die kurze Antwort: Xinomavro spielt nicht nach dem internationalen Rotwein-Lehrbuch. Die lange Antwort ist deutlich spannender. Denn diese Rebsorte aus Nordgriechenland kann herb, duftig, saftig, erdig, filigran oder ziemlich wild sein. Sie erinnert an Nebbiolo, Sangiovese oder manchmal an gereiften Pinot Noir - und ist am Ende doch unverkennbar Xinomavro. Wein mit Kante, aber ohne Show. Nicht langweilig.

Warum Xinomavro blind so oft falsch eingeordnet wird

Xinomavro bedeutet sinngemäß „sauer-schwarz“. Klingt nach Ansage - und ist auch eine. Die Sorte bringt in guten Lagen hohe Säure, markantes Tannin und dunkle Schalen mit. Daraus entstehen Weine, die farblich überraschend transparent wirken können, aromatisch aber tief gehen und mit Reife richtig zulegen.

Blind landen viele erste Vermutungen deshalb in Italien oder im Piemont. Die helle bis mitteltiefe Farbe, die säuerliche Kirschfrucht, getrocknete Kräuter, Blüten und das griffige Tannin führen schnell zu Nebbiolo. Das ist nachvollziehbar, aber nicht ganz die Sache. Xinomavro ist in seiner Würze oft rauer, herzhafter und mediterraner. Statt nur Teer, Veilchen und Trüffel kann da Tomatenblatt auftauchen, schwarze Olive, Tabak, getrocknete Pflaume, Leder oder ein Hauch Waldboden.

Die Verwechslung mit Sangiovese ist ebenfalls logisch. Beide Sorten können Säure und Kirsche, beide lieben Essen und beide werden mit Flaschenreife komplexer. Xinomavro zeigt aber häufig mehr Tannin und diese charakteristische, leicht herbe Umami-Seite. Wer einmal an sonnenwarmer Tomate, Oliventapenade und getrockneten Rosen gerochen hat, ist der Sorte schon ziemlich nah.

Das heißt nicht, dass jeder Xinomavro gleich schmeckt. Genau da wird Blindverkostung interessant: Man lernt nicht, Etiketten auswendig zu erraten. Man lernt, Struktur zu lesen.

Xinomavro im Blindverkostungstest erkennen

Der verlässlichste Weg führt nicht über ein einzelnes Aroma. „Tomate“ allein macht noch keinen Xinomavro, zumal sie in der Verkostung gern überstrapaziert wird. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Farbe, Duft, Säure, Tannin und Entwicklung im Glas.

Erst schauen: Weniger Schwarz, als der Name verspricht

Junger Xinomavro zeigt sich oft rubinrot bis granatfarben und am Rand vergleichsweise hell. Mit ein paar Jahren Reife kommen ziegelige Reflexe dazu. Wer aufgrund des Namens einen tintigen, fast schwarzen Block erwartet, liegt schnell daneben.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Ein konzentrierter, warm gewachsener oder sehr extraktionsbetonter Xinomavro kann deutlich dunkler wirken. Trotzdem bleibt die Sorte meist eher strukturiert als massig. Sie will nicht mit Farbe imponieren, sondern mit Spannung.

Dann riechen: Kirsche trifft Herzhaftigkeit

Am Anfang stehen oft Sauerkirsche, rote Johannisbeere, Cranberry oder Pflaume. Dann wird es ernst: getrocknete Tomate, Oliven, Lorbeer, schwarzer Tee, Tabak und erdige Noten schieben sich nach. Bei reiferen Flaschen kommen Leder, Pilze, Unterholz und eine fast balsamische Würze dazu.

Diese Aromatik ist kein Fehler und kein Grund, hektisch nach „Brett“ zu rufen. Xinomavro kann eine herzhafte, oxidative oder animalisch anmutende Facette besitzen, ohne unclean zu sein. Die Frage ist immer: Wirkt der Wein lebendig, präzise und frisch? Oder müde, dumpf und essigstichig? Charakter und Schlampigkeit sind zwei verschiedene Dinge.

Am Gaumen entscheidet die Statik

Jetzt kommt der Moment, an dem Xinomavro sich verrät. Die Säure ist meistens klar und tragend, nicht weichgespült. Dazu kommt Tannin, oft körnig und trocken, manchmal jugendlich richtig zupackend. Die Frucht bleibt eher säuerlich als marmeladig. Alkohol kann vorhanden sein, aber er sollte nicht den Takt vorgeben.

Ein guter Xinomavro hat Zug. Er läuft nicht breit über den Gaumen, sondern bleibt vertikal: Säure nach oben, Tannin nach hinten, Würze in die Länge. Genau deshalb funktioniert er am Tisch so gut. Allein auf dem Sofa kann ein junger, straffer Wein fordernd wirken. Neben geschmortem Lamm, Aubergine vom Grill oder Pilzragout wird daraus plötzlich eine sehr überzeugende Idee.

Herkunft mittrinken: Naoussa, Amyndeon und mehr

Xinomavro ist keine Rebsorte für Einheitswein. Nordgriechenland liefert unterschiedliche Antworten darauf, wie viel Frucht, Frische, Kraft und Wildheit ins Glas sollen.

Naoussa ist der große Name und für viele der klassische Einstieg. Die teils höher gelegenen Weinberge und unterschiedlichen Böden bringen strukturierte, langlebige Weine hervor. Hier zeigt Xinomavro oft seine ernsthafte Seite: rote und dunkle Kirsche, Tomate, Kräuter, straffes Tannin und Reifepotenzial. Wer Barolo mag, aber keine Lust auf das übliche Etiketten-Theater hat, sollte hier anfangen.

Amyndeon liegt höher und kühler. Die Weine wirken oft heller, duftiger und frischer, mit feinerer Frucht und einer spürbaren Säureader. Das ist Xinomavro mit Luft unter den Flügeln - nicht weniger ernsthaft, aber häufig früher zugänglich. Auch Rosé und Schaumwein aus der Sorte können hier ausgesprochen gut funktionieren.

In Goumenissa wird Xinomavro traditionell oft mit Negoska kombiniert. Das nimmt ihm nicht die Identität, bringt aber mehr Farbe, Frucht und Rundung. Für Menschen, die die Sorte spannend finden, aber beim Tannin noch nicht sofort volle Eskalation wollen, ist das ein sehr guter Weg rein.

Dann gibt es die Handschrift der Produzentinnen und Produzenten. Ausbau im großen Holz, Beton, Amphore oder gebrauchten Barriques verändert das Bild. Eine lange Maischestandzeit kann den Grip verstärken, ein früherer Lesezeitpunkt die Frische betonen. Naturweinige Interpretationen können besonders leichtfüßig und ungeschminkt sein, verlangen aber Aufmerksamkeit. Nicht jede Trübung ist automatisch Haltung, und nicht jeder klassisch ausgebaute Wein ist langweilig.

Der häufigste Fehler: Xinomavro zu warm und zu früh trinken

Viele Flaschen werden zu warm serviert. Bei 21 Grad steht Alkohol schneller im Vordergrund, das Tannin wird grob, die Frucht wirkt müde. Besser sind etwa 15 bis 17 Grad. Ein leichter gekühlter Xinomavro gewinnt oft sofort an Präzision und Trinkfluss.

Auch Luft hilft. Ein junger, klassischer Wein darf eine bis zwei Stunden vor dem Essen geöffnet werden, besonders wenn er noch verschlossen oder kantig wirkt. Bei älteren Flaschen gilt: vorsichtig sein. Sie brauchen nicht zwingend eine große Karaffe, sondern Aufmerksamkeit. Erst ein kleines Glas probieren, dann entscheiden.

Und bitte nicht auf die Idee kommen, Xinomavro müsse immer jahrzehntelang liegen. Die besten können das, keine Frage. Aber es gibt genug saftige, frische Stilistiken, die schon jung richtig Spaß machen. Das hängt vom Jahrgang, Gebiet, Ausbau und persönlichen Geschmack ab. Wer auf viel Primärfrucht und weiches Tannin steht, wird bei manchen traditionellen Naoussa-Weinen Geduld brauchen. Wer Säure, Würze und Griff sucht, bekommt früh sehr viel Charakter fürs Geld.

Ein Blindflug, der wirklich etwas bringt

Für eine eigene Verkostung braucht es keine Prüfungsatmosphäre und keine aromatischen Riechkästchen. Stell einen Xinomavro neben einen Nebbiolo, einen Sangiovese und einen kühleren Syrah oder Blaufränkisch. Alle bei ähnlicher Temperatur, möglichst ohne sichtbare Flaschen. Dann erst schauen, riechen, schmecken und Notizen machen - nicht diskutieren, bevor alle ein Urteil abgegeben haben.

Achte besonders auf drei Fragen: Ist die Frucht eher süß oder säuerlich? Ist das Tannin poliert, kreidig oder körnig? Und wirkt die Würze floral, erdig, tomatig oder pfeffrig? Diese drei Achsen bringen mehr als der Druck, die Rebsorte beim ersten Schluck heroisch zu erraten.

Bei The Winehouse ist Xinomavro nicht bloß eine griechische Pflichtübung, sondern ein guter Gegenentwurf zu Rotwein nach Baukasten. Die Sorte kann anspruchsvoll sein, aber sie belohnt Neugier sofort. Sie zeigt Herkunft statt Hochglanz und macht aus einem Abendessen mehr als die Frage, ob der Wein „schön weich“ ist.

Wenn du beim nächsten Blindglas an Kirsche, Olive, getrocknete Tomate und griffige Säure denkst, musst du nicht sofort Xinomavro rufen. Nimm noch einen Schluck, gib dem Glas fünf Minuten und schau, ob der Wein mehr erzählt. Genau dafür ist er gemacht.

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